Abschlußbericht
an die Gemeinden des Landkreises Starnberg sowie den Gemeinden Gräfelfing, Neuried und Planegg
über das Projekt
Risikoanalyse
Kleiner Fuchsbandwurm im Bereich der Gemeinden im Landkreis
Starnberg sowie den Gemeinden Gräfelfing, Neuried und Planegg im Landkreis
München
vorgelegt von:
|
Dr. Andreas König |
Dr.
Thomas Romig |
|
Fachgebiet für Wildbiologie und Wildtiermanagement |
Parasitologie 220 B |
|
Wissenschaftszentrum Weihenstephan, TU-München |
Universität Hohenheim |
|
Am Hochanger 13 |
Emil-Wolff Str. 34 |
|
D-85354
Freising |
D-70599
Stuttgart |
|
Tel: 08161-714605 Fax: 08161-714615 Mobil: 0171-1423591 Email: koenig@forst.tu-muenchen.de |
Tel: 0711-459-3076 Fax: 0711-459-2276 Mobil: Email: romig@uni-hohenheim.de |
Gliederung
3.1.1 Differenzierung nach Gemeinden
3.1.2 Räumliche Gliederung der
Befallsraten
3.2 Ergebnisse
Koprodiagnostik
4 Vergleich
Koproantigen-ELISA (Chekit-Echinotest®) mit Abstrichmethode
5 Diskussion
und Bewertung der Ergebnisse
Seit Anfang der 90'iger Jahre haben Füchse in Mitteleuropa Städte und Dörfer als Lebensraum erobert. Sie sind dort vergleichsweise häufig, zeigen nur geringe Scheu vor dem Menschen. Dies wird durch Berichte von Bürgern auch für aus mehreren Gemeinden des Landkreises Starnberg und München bestätigt.
Gleichzeitig hat die Prävalenz des „Kleinen Fuchsbandwurmes“ bei den Füchsen in Süddeutschland erheblich zugenommen. Dieser Bandwurm kann beim Menschen die schwere Erkrankung „alveolare Echinokokkose“ auslösen.
Zahlreiche Daten belegen, dass das Erkrankungsrisiko für den Menschen nicht nur von der allgemeinen Befallsrate, sondern auch von der räumlichen Nähe zu den übertragenden Tieren (Füchsen) abhängt. Füchse, die im Gemeindebereich leben, sind daher als besonderes Risiko zu betrachten. Durch häufige Sichtkontakte von Füchsen und die Ungewissheit über die aktuelle Bandwurmbefallsrate der Füchse findet sich im Landkreis Starnberg und München eine größere Zahl beunruhigter Bürger.
Aus Sorge um die Gesundheit der Bürger beauftragte Bürgermeister Dieter Hager (Krailling) im Auftrag der beteiligten Gemeinden Dr. Andreas König vom Fachgebiet Wildbiologie und Wildtiermanagement der TU - München, stellvertretend für das Projektteam, eine Risikoanalyse über die Befallsraten von Füchsen mit dem „Kleinen Fuchsbandwurm“ durchzuführen.
Ziel der Risikoanalyse war die Erhebung
der Befallsrate von Füchsen mit dem „Kleinen Fuchsbandwurm“ im Landkreises
Starnberg sowie den Gemeinden Gräfelfing, Neuried und Planegg
Auftraggeber
· Gemeinde im Landkreis Starnberg sowie Gräfelfing, Neuried und Planegg vertreten durch den 1. Bürgermeister
Förderung
· Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz mit 30 % der Kosten
Auftragnehmer
Arbeitsgruppe Fuchsprojekt Starnberg bestehend aus:
· Fachgebiet Wildbiologie und Wildtiermanagement der Technischen Universität München vertreten durch Prof. Dr. Wolfgang Schröder
· Fachgebiet Parasitologie der Universität Hohenheim vertreten durch Prof. Dr. Ute Mackenstedt
Projektleitung und Koordination
· Dr. Andreas König, FG Wildbiologie und Wildtiermanagement der TU München
· Dr. Thomas Romig, FG Parasitologie der Universität Hohenheim
Projektmitarbeiter
· Janosch, Arnold, FG Wildbiologie und Wildtiermanagement der TU München
· Kerstin Kellermann, FG Wildbiologie und Wildtiermanagement der TU München
· Dorothea Thoma, FG Parasitologie der Universität Hohenheim
Nach Erhalt des Projektauftrages wurde in allen Gemeinden durch Pressemitteilungen und öffentlichen Veranstaltungen das Projekt vorgestellt. Hierbei wurde Jäger, Bürger sowie Polizei und Forstverwaltungen um Unterstützung gebeten. Speziell die Jägerschaft wurde aufgefordert, innerhalb und außerhalb der Ortschaften die Fuchsbejagung mit dem Ziel zu intensivieren, ausreichend Tiere zur Untersuchung zu erhalten. Die Bürger wurden angehalten, Fuchsbeobachtungen an das Projektteam zu melden. Weiterhin wurden sie um Unterstützung beim Fang von Füchsen innerhalb der Ortschaften gebeten.
Über das Untersuchungsgebiet verteilt wurden Sammelstellen für erlegte oder tot aufgefundene Füchse in Feldafing, Gilching, Krailling, Inning, Starnberg und Seefeld eingerichtet. Hier standen Gefriertruhen von den Gemeinden bzw. vom Projektteam in denen die erlegten Füchse gesammelt wurden. Neben diesen Fuchssammelstellen konnten während der Dienstzeiten des Landratsamtes Starnberg im Veterinäramt Füchse abgegeben werden. An den Sammelstellen lagen Verpackungsmaterial sowie Einweghandschuhe kostenlos für die Jäger aus.
Um die Befallsraten der Füchse mit dem „Kleinen Fuchsbandwurm“ feststellen zu können, wurden zwei unterschiedliche Methoden angewendet. Bei der Abstrichmethode wurden die Tiere seziert und anschließend Abstriche der Dünndarm-Schleimhaut durchgeführt (Kap. 2.2.1). Die Koproantigen-Elisa Methode konnte zusätzlich bei Füchsen angewendet werden, die in ihrem Enddarm Kot aufwiesen (Kap. 2.2.2).
Es handelt sich hierbei um eine etablierte, evaluierte und zeitsparende Methode zum direkten mikroskopischen Nachweis von E. multilocularis im Darm sezierter Füchse.
Nach Entfernung grober Bestandteile des Inhalts aus dem eröffneten Dünndarm werden 15 Abstriche der Mucosa mit Hilfe von Glas-Objektträgern vorgenommen. Diese werden auf quadratische Petrischalen (9 x 9 cm) platziert und unter dem Stereomikroskop bei ca. x 12 Vergrößerung durchgemustert (Deplazes et Eckert, 1996; Eckert et al., 2001). Die Methode erlaubt eine 100% spezifische Diagnose, eine semi-quantitative Erhebung der Befallsintensität und die Feststellung des Entwicklungsstadiums der Parasiten (patent – präpatent). Im Vergleich zur zeitaufwendigen Sedimentations-Methode (dem „Goldstandard“) wird für die Abstrichmethode eine Sensitvität von 78% angegeben (Hofer et al., 2000).
Der Testkit Chekit Echinotest® (Bommeli AG; Vertrieb: Intervet Deutschland GmbH)) ist der einzige gegenwärtig kommerziell erhältliche koprodiagnostische Test für E. multilocularis im Endwirt.
Die Sensitivität für Echinococcus spp. wird vom Hersteller mit 90% angegeben (Eckert et al., 2001). Eine sichere Differenzierung zwischen E. multilocularis und E. granulosus ist nicht möglich. Der Test leitet sich ab von einem an der Universität Zürich entwickelten Koproantigen-ELISA auf der Basis polyklonaler Kaninchen- und Hühnerei-Antikörper, dessen Sensitivität bei der Untersuchung von Fuchskot in Abhängigkeit von der Befallsintensität zwischen 95% (>100 Würmer pro Fuchs) und 61% (<100 Würmer pro Fuchs) liegt (Deplazes et al., 1999). Die Intensitäts-Abhängigkeit ist auch beim Chekit Echinotest® gegeben (mdl. Mittlg. K. Tackmann, BFAV Wusterhausen). Neben der Diagnostik rektal entnommenen Kots finden Koproantigen-ELISA Tests auch Anwendung bei der Untersuchung von abgesetztem Fuchskot (Raoul et al., 2001; Stieger et al., 2002).
Von den Jägern sowie vom Projektteam wurden bis Ende Februar 2003 286 Füchse im Untersuchungsgebiet bzw. 263 im Landkreis Starnberg gesammelt. Hiervon waren im Untersuchungsgebiet 268 bzw. im Landkreis Starnberg 249 Tier untersuchungsfähig. Von diesen waren 51 % (bzw. 55 % LKR Starnberg) von dem Kleinen Fuchsbandwurm befallen.
Tabelle 1: Befallsrate im Untersuchungsgebiet bzw. im Landkreis Starnberg
|
Gebiet |
Anzahl Füchse |
untersuchungsfähige Füchse |
Befallsrate |
Konfidenzintervall (95%, beidseitig) |
|
Untersuchungsgebiet |
286 |
268 |
51 % |
45-57% |
|
Landkreis Starnberg |
263 |
249 |
55 % |
47-61% |
Im Vergleich hierzu wurden vom Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (2002) zwischen 1.12.88 und 31.10.02 222 Füchse auf den „Kleinen Fuchsbandwurm“ untersucht. Die Befallsrate dieser Tiere liegt nur bei 32 %.
Diese Ergebnis muß jedoch nach Gemeinden differenziert betrachtet werden, da sich hinsichtlich der Befallsraten mit dem Kleinen Fuchsbandwurm lokal erhebliche Unterschiede ergaben:
Tabelle 2: Befallsrate nach Gemeinden differenziert
|
Gemeinde |
Anzahl Füchse |
untersuchungsfähige Füchse |
Befallsrate |
Standardfehler |
|
Andechs |
15 |
13 |
85 % |
+-10 % |
|
Berg |
17 |
16 |
69 % |
+- 12 |
|
Feldafing |
4 |
4 |
50 % |
+- 29 % |
|
Gauting |
75 |
71 |
39 % |
+- 6 % |
|
Gilching |
14 |
13 |
77 % |
+- 6% |
|
Herrsching |
13 |
13 |
85 % |
+- 10% |
|
Inning |
6 |
5 |
80 % |
+- 20 % |
|
Krailling |
24 |
24 |
21 % |
+- 8 % |
|
Pöcking |
3 |
3 |
100 % |
+- 0 % |
|
Seefeld |
21 |
20 |
80 % |
+- 9 % |
|
Starnberg |
17 |
15 |
47 % |
13 % |
|
Tutzing |
39 |
37 |
43 % |
+- 8% |
|
Weßling |
3 |
3 |
100 % |
+- 0 % |
|
Wörthsee |
12 |
12 |
75 % |
+-13% |
|
Gräfelfing |
0 |
0 |
|
|
|
Neuried |
17 |
15 |
7 % |
+- 7 % |
|
Planegg |
2 |
2 |
0 % |
+- 0 % |
|
Summe |
282 |
266 |
52 % |
+- 3% |
Die unterschiedlichen Gesamtsummen von Tabelle 1 und Tabelle 2 ergeben sich aus dem Umstand, dass einige Tiere nicht eindeutig einem Gemeindegebiet zugeordnet werden konnten Mit Ausnahme der Gemeinden Gräfelfing (kein Fuchs) und Planegg (zwei Füchse) wurde in jeder Gemeinde des Untersuchungsgebietes der „Kleiner Fuchsbandwurm“ nachgewiesen (Tabelle 2). Die Ergebnisse aus den Gemeinden Feldafing, Inning, Pöcking sowie Weßling müssen ebenfalls als vorläufig betrachtet werden, da auch hier ein sehr geringe Stichprobendichte vorliegt.
Unter Berücksichtigung des Standardfehlers wurden die höchsten Befallsraten (85%; n = 26) in den Gemeinden Andechs und Herrsching gefunden; unter Berücksichtigung der Probenzahl liegt die tatsächliche Befallsrate hier mit 95% Wahrscheinlichkeit zwischen 64% und 96% (Konfidenzintervall – Cannon und Roe, 1990). Der geringste Befall mit 7 % wurde in der Gemeinde Neuried festgestellt. Am Westufer des Starnberger Sees lagen die Befallsraten zwischen 40 und 50 %. Dagegen weiß die Gemeinde Berg am Ostufer mit 69 % Prävalenz ebenfalls einen relativ hohen Wert auf.
Auf Grund des teilweise geringen Datenumfangs für manche Gemeindegebiete ist es sinnvoll, größere Flächen zusammenzufassen. Das Untersuchungsgebiet lässt sich so in 6 Bereiche unterteilen:
1. Befallsraten zwischen 1 und 10 %: Neuried
2. Befallsraten zwischen 11 und 30 %: Stockdorf, Krailling und Planegg [1]
3. Befallsrate zwischen 31 und 50 %: Tutzing, Feldafing, Pöcking, Starnberg und Gauting [2]
4. Befallsraten zwischen 51 und 70 %: Berg
5. Befallsraten über 70 %: Andechs, Herrsching, Seefeld, Inning Weßling Wörthsee und Gilching
6. ohne Daten: Gräfelfing
Tabelle 3: Räumliche Zusammenfassung der Befallsraten
|
Gruppe |
Anzahl Füchse |
untersuchungs-fähige Füchse |
Befallsrate |
Standard-fehler |
Konfidenz-intervall (95%) |
|
1 |
17 |
15 |
7 % |
+- 6 % |
- |
|
2 |
30 |
29 |
21 % |
+- 7 % |
8-40% |
|
3 |
134 |
127 |
43 % |
+- 4 % |
34-52% |
|
4 |
17 |
16 |
69% |
+- 12% |
- |
|
5 |
84 |
79 |
81 % |
+- 4% |
70-89% |
|
Gesamt |
282 |
266 |
52% |
+- 3% |
46-58% |
Ganz im Westen (Abbildung 1) liegt ein Streifen mit sehr hohen Befallsraten (81%) zwischen den Gemeinden Andechs und Gilching. Die mittlere Befallsrate beträgt hier 81 % (Tabelle 3). Nach Osten schließ ein Gebiet an, das westlich vom Starnberger See begrenzt wird und sich von der Gemeinden Tutzing bis nach Gauting erstreckt. Die mittlere Befallsrate beträgt hier 43 %. Hieran schließ im Norden der Siedlungsbereich von Stockdorf über Krailling, Planegg an mit einer Befallsrate von 21 %. Einzeln verbleiben die Gemeinden Berg mit 69 % und Neuried mit 7 % Prävalenz.
Da von Gräfelfing keinerlei Daten vorliegen wird die Gemeinde keiner räumlichen Gruppe zu geordnet.

Abbildung 1: Räumliche Verteilung der Prävalenz von Echinococcus multilocularis bei Füchsen im Untersuchungsgebiet
Bei 184 von insgesamt 282 untersuchten Füchse (inkl. 14 Tieren von ausserhalb des Untersuchungsgebietes) konnten Proben von Rektalinhalt entnommen werden, die mit Hilfe des Chekit-Echinotest® auf Koproantigene hin untersucht wurden. Dabei traten bei Proben von zusätzlichen 8 Tieren aus dem Untersuchungsgebiet (bei denen keine Würmer während der Sektion zu finden waren) positive Reaktionen auf. Darunter können sich sowohl unspezifische Reaktoren befinden, als auch gering gradig befallene Tiere, deren Würmer bei der Sektion übersehen wurden.
Um zusätzliche Evaluierungsdaten zum verwendeten Test zu erhalten, wurden die beiden Methoden anhand der Füchse (n = 184), von denen Rektalinhalt zu gewinnen war, verglichen. Dabei ergaben sich folgende Prävalenzen:
Tabelle 4: Gegenüberstellung der Sektions- und ELISA Ergebnisse

nur Sektion/Abstrich: 102/184 55% (95%KI: 47-63)
nur Koproantigen-ELISA 75/184 41%
(95%KI: 34-49)
kumulativ 110/184 60% (95%KI: 52-67)
Um Unspezifitäten aufgrund von Kreuzreaktionen mit anderen im Fuchsdarm vorhandenen Cestoden (Taenia crassiceps, T. polyacantha, Mesocestoides leptothylacus, M. sp.) abschätzen zu können, wurde das ELISA-Ergebnis nach vier Gruppen geschichtet:
Tabelle 5![]()
![]()
: Schichtung der
ELISA-Ergebnisse
Gruppe Sektionsergebnis n ELISA-Ergebnis
![]()
![]()
Echino- andere
positiv negativ
coccus
/grenzw. Cestoden (n) (n)
![]()
I negativ negativ 39 4 35
II negativ positiv 43 4 39
III positiv negativ 24 14 10
IV positiv positiv 78 53 25
Daraus ergibt sich eine Sensitivität des ELISA gegenüber der Abstrichmethode von 66%, die allerdings stark von der Befallsintensität (Wurmbürde) abhängt:
Tabelle 6: Sensitivität des ELISA

n Würmer n Füchse n positiv Sensitivität
![]()
1-10 32 13 41 %
11-100 41 27 66 %
> 100 29 27 93 %
![]()
gesamt 102 67 66%
Sowohl die Populationsdichte von Füchsen als auch deren Befall mit dem Kleinen Fuchsbandwurm haben in den vergangenen 15 Jahren in Mitteleuropa so drastisch zugenommen, dass heute zumindest regional mit einem Anstieg des Fuchsbandwurm-Vorkommens um den Faktor 10 gerechnet wird (Romig et al., 1999; Romig, 2002). Diese zeitlichen Verschiebungen sind gut dokumentiert für Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Niedersachsen, sowie für Regionen in Ostfrankreich. Nach unveröffentlichten Beobachtungen findet gegenwärtig ein vergleichbarer Anstieg der Befallsraten in Polen, Tschechien, der Slowakei und Österreich statt (Malczewski, Martinek, Dubinsky, Prosl, mdl. Mttlg.).
Für Bayern liegen nur wenige Veröffentlichungen älteren Datums vor, die alle zu Zeiträumen durchgeführt wurden, die vor oder zu Beginn der drastischen Fuchsvermehrung durchgeführt wurden. So ermittelten Vos und Schneider (1993) eine Befallsrate von 28% bei 241 Füchsen, die zwischen 1989 und 1992 im Landkreis Garmisch-Partenkirchen untersucht wurden. Zeyhle et al. (1990) berichten über 15% befallener Füchse (n = 259) aus verschieden Regionen Bayerns im Zeitraum 1974-1984. Nothdurft et al. (1996) fassen Daten des Landesuntersuchungsamtes Oberschleißheim für den Zeitraum 1988-1994 zusammen, und korrelieren diese Daten aus dem Fuchs mit der Häufigkeit von Alveoläre Echinokokkose-Patienten. Am stärksten befallen waren dabei Füchse aus den Regierungsbezirken Schwaben und Oberbayern (44% bzw. 31%), was gut mit der Zahl von AE-Patienten korrelierte.
Die vorliegende Arbeit deutet darauf hin, dass diese Daten als überholt zu gelten haben und der Anstieg der Befallsrate in Bayern – wie in den benachbarten Ländern – inzwischen stattgefunden hat oder noch stattfindet. Wie die lokal sehr unterschiedlichen Befallsraten innerhalb des Untersuchungsgebietes zeigen, spielen aber zusätzlich zur regionalen Situation kleinräumig eine Reihe von Faktoren eine Rolle, die für den Infektionsdruck auf den Menschen von entscheidender Bedeutung sind. Obwohl die in dieser Studie erhobenen Daten für eine sichere Faktorenanalyse nicht ausreichen, scheint die Befallsrate mit dem Grad der Bebauungsdichte korreliert zu sein: je ländlicher die Struktur, desto höher die Befallsrate. Dieser Zusammenhang ist auch aus anderen Regionen bekannt (z. B. Stieger et al., 2002) und wird auf die unterschiedliche Ernährung von „ländlichen“ und „urbanen“ Füchsen zurückgeführt. Allerdings ist mittlerweile bekannt, dass Füchse gerade im dicht bebauten Bereich in erheblich größerer Zahl vorkommen als in der freien Landschaft. Deshalb dürfte auch bei geringerer Befallsrate die absolute Zahl parasitierter Tiere ähnlich hoch sein, zusätzlich aber auch dem engeren Kontakt zum Menschen eine Bedeutung zukommen. Eine verbesserte Kenntnis dieser Zusammenhänge ist somit von entscheidender Bedeutung, um Strategien zur Verringerung der Infektionsgefahr für die Bevölkerung entwickeln zu können.
Fazit
1) Der Befallsrate der Füchse mit dem Kleinen Fuchsbandwurm ist im Untersuchungsgebiet erheblich höher, als nach bisher verfügbaren Daten zu vermuten war.
2) Der Parasit tritt überall im Gebiet auf, sowohl im ländlichen als auch im urbanen Bereich.
3) Die Befallsraten sind lokal sehr unterschiedlich, was vermutlich auf verschiedene Nahrung (Anteil der Mäuse) in unterschiedlichen Habitat-Typen zurückzuführen ist.
4) Die Ermittlung dieser Zusammenhänge, einschließlich der relativen Zahl der Füchse je nach Lebensraum, ist von entscheidender Bedeutung, um in den Übertragungszyklus eingreifen zu können und das Infektionsrisiko für die Bevölkerung zu senken.
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (2002) Statistiken. Dienststelle Oberschleißheim, Oberschleißheim
Cannon RM, Roe RT (1990) Krankheitsüberwachung
in Tierbeständen (deutsche Übersetzung und Bearbeitung von RJ Lorenz). AID, Bonn
Deplazes P,
Eckert J (1996) Diagnosis of the Echinococcus multilocularis infection
in final hosts. Applied Parasitology 37, 245-252
Deplazes P,
Alther P, Tanner I et al. (1999) Echinococcus multilocularis
coproantigen detection by enzyme-linked immunosorbent assay in fox, dog and cat
populations. J Parasitol 85,
115.121
Eckert J,
Deplazes P, Craig PS et al. (2001)
Echinococcosis in animals: clinical aspects, diagnosis and treatment. In:
Eckert J, Gemmell MA, Meslin FX, Pawlowski ZS (eds.): WHO/OIE manual on
echinococcosis in humans and animals: a public health problem of global
concern. World Organization for Animal Health, Paris, 72-99
Hofer S, Gloor
S, Müller U, Mathis A, Hegglin D, Deplazes
P (2000) High prevalence of Echinococcus multilocularis in urban red
foxes (Vulpes vulpes) and voles (Arvicola terrestris) in the city
of Zürich, Switzerland. Parasitology
120, 135-142
Nothdurft
HD, Jelinek T, Mai A, Sigl B, Sonnenburg F v, Löscher T (1996) Epidmiologie der Alveolären
Echinokokkose in Süddeutschland (Bayern). RKI-Hefte 14/1996, 44-50
Raoul F,
Deplazes P, Nonaka N et al., (2001) Assessment of the epidemiological status of
Echinococcus multilocularis in foxes in France using ELISA coprotests on
fox faeces collected in the field. Int J Parasitol 31, 1579-1588
Romig T, Bilger
B, Dinkel A, Merli M, Mackenstedt U (1999)
Echinococcus multilocularis in animal hosts: new data from
western Europe. Helminthologia 36, 185-191
Romig T
(2002) Spread of Echinococcus
multilocularis in Europe? In: Craig P, Pawlowski Z (eds.): Cestode Zoonoses:
Echinococcosis and Cysticercosis. IOS Press, Amsterdam, 65-80
Stieger C, Hegglin D, Schwarzenbach G
et al. (2002) Spatial and temporal
aspects of urban transmission of Echinococcus multilocularis.
Parasitology 124, 631-640
Vos A, Schneider L (1994) Echinococcus multilocularis-Befall beim Rotfuchs (Vulpes vulpes) im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Tierärztliche Umschau 49, 225-232
Zeyhle E, Abel M, Frank W (1990) Epidemiologische Untersuchungen zum Vorkommen von Echinococcus multilocularis bei End- und Zwischenwirten in der Bundesrepublik Deutschland. Mitt. Österr. Ges. Tropenmed. Parasitol. 12, 221-232