Gartenbau als Hochschulstudium
Die Krönung in der Entwicklung des gartenbaulichen Ausbildungswesens stellt zweifellos die Einführung des Hochschulstudiums für Gartenbau 1929 an der damaligen Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin dar.
Am 1. April 1930 wurde der Dozent und Vorsteher der Abteilung Obstbau an der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem, E. KEMMER, zum ordentlichen Professor und Direktor des ersten deutschen Hochschul-Obstbauinstituts berufen. 34 Jahre lang hat KEMMER in Berlin gewirkt und der deutschen Obstbauforschung Inhalt und Ausrichtung gegeben. Hier entwickelte er seine "Grundlagen obstbaulicher Planwirtschaft" und schuf die Kriterien für umfassende betriebswirtschaftliche Untersuchungen über die Eingliederung des Obstbaues in die Landwirtschaft. Er gab dem Obstbau neue Impulse in der Physiologie, Ökologie und Ökonomie.
Besonders zu erwähnen sind seine Verdienste um die Terminologie einer Fülle obstbaulicher Fachbegriffe, die er mit Logik und scharfem Verstand exakt zu definieren und voneinander abzutrennen wußte (16 "Merkblätter"). KEMMER, der erste deutsche Obstbau-Wissenschaftler, erhielt seine verdiente Ehrung und Anerkennung 1957 durch die Promotion zum Doktor der Landwirtschaft ehrenhalber seitens der damaligen Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden Professuren und Institute für Obstbau auch an anderen landwirtschaftlichen Fakultäten errichtet. Als erstes wurde 1948 das Institut für Obstbau und Baumschule der Technischen Hochschule Hannover (heute Technische Universität) gegründet; Direktor wurde P. G. DE HAAS (1907-1976). Es folgten 1951 die Universität Bonn mit der Berufung von F. HILKENBÄUMER (1909-1976) und ein Jahr später die damalige Landwirtschaftliche Hochschule (heute Universität) in Stuttgart-Hohenheim mit C. F. RUDLOFF (1899-1962) als Direktor.
1953 wurde ein Institut für Obstbau (heute Lehrstuhl für Obstbau) an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Technischen Hochschule (heute Technische Universität) München in Weihenstephan geschaffen; zu seinem Direktor wurde G. LIEBSTER (1911) berufen. Als letztes wurde 1963 auch an der Universität Gießen ein Institut für Obstbau errichtet, mit W. GRUPPE (1920) als Direktor
Die obstbauliche Tradition in Weihenstephan
Die Entwicklung einer höheren Ausbildung im Gartenbau in Weihenstephan begann im Jahre 1804, als die "Landespelzschule" (pelzen = veredeln) Landshut in "Kurfürstliche Centralbaumschule" unbenannt und in das säkularisierte Benediktinerkloster Weihenstephan bei Freising verlegt wurde. Die "Kurfürstliche Centralbaumschule" wurde 1852 mit der von Schleißheim nach Weihenstephan umgesiedelten "Landwirtschaftlichen Centralschule" zusammengelegt.
1892 begann in Weihenstephan der Ausbau zu einer Gartenbauschule. Es wurden damals folgende, ausschließlich praktisch orientierte Lehrgänge angeboten: ein vierwöchiger Baumwartkurs, ein achtmonatiger Obstbaukurs und ein zweijähriger Gartenbaukurs. Ab 1908 konnten Absolventen mit einer Mindest-Durchschnittsnote von 1,9 die "staatliche Obergärtnerprüfung" ablegen. Dies war eine Vorstufe der späteren "Zweiten staatlichen Fachprüfung zum staatlich diplomierten Gartenbauinspektor".
1923 erhielt die zweijährige Gartenbauschule die Bezeichnung "Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau" und 1929 die Bezeichnung "Staatliche Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau". Inzwischen hatte sie sich aus dem organisatorischen Verband mit der Hochschule für Landwirtschaft und Brauerei getrennt, die 1920 aus der seit 1895 bestehenden Kgl. Bayerischen Akademie für Landwirtschaft und Brauerei hervorgegangen war.
Die Lehranstalt hieß ab 1958 "Ingenieurschule für Gartenbau Weihenstephan", wobei die alte Bezeichnung "Staatliche Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau" zunächst noch beibehalten wurde. Das Studium wurde von vier auf sechs Semester erhöht und die II. staatliche Fachprüfung (Inspektorenprüfung) abgeschafft. Aus der Ingenieurschule entstand die heutige Fachhochschule Weihenstephan.
Zusätzlich zu der praktisch orientierten Ausbildung an der Höheren Gartenbauschule erkannte man die Notwendigkeit zu wissenschaftlicher Forschung und Ausbildung. Das Studium zum Diplomgärtner - heute Diplom-Agraringenieur- wurde in Bayern durch Erlaß des Kultusministeriums am 19.8.1947 genehmigt. Das Hochschulstudium an der TH München in Weihenstephan begann mit dem Wintersemester 1947/48. Dabei ging es zunächst um ein Aufbaustudium im Anschluß an die viersemestrige Ausbildung an der Höheren Gartenbauschule in Weihenstephan mit dem Abschluß als Gartenbautechniker. Für das wissenschaftliche Aufbaustudium waren ein Eignungsvermerk des Direktors der Höheren Gartenbauschule sowie eine Aufnahmeprüfung erforderlich. Der gesamte Lehrbetrieb an der TH erfolge vorerst über Lehraufträge, die an Dozenten der Höheren Gartenbauschule vergeben wurden; den Obstbau vertrat Frau Dr. G. PESSERL. Erst ab 1951 wurden die ersten Professuren für Gartenbauwissenschaften an der TH errichtet.
G. Liebster - erster Obstbauprofessor in Weihenstephan
Das Institut für Obstbau der TH München wurde am 1.8.1953 gegründet. Zum ordentlichen Professor und Direktor wurde Günther LIEBSTER berufen. Dieser hatte nach fünfjähriger Gärtner-Praxis, Lehre und drei Gehilfenjahren in verschiedenen Sparten des Gartenbaues, an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin Gartenbau studiert und war einer der ersten Diplomgärtner; 1940 promovierte er in Berlin zum Dr. agr.. Nach Weihenstephan kam er aus dem Dienst der Landwirtschaftskammer Weser-Ems in Oldenburg, wo er seit 1937 als Sachbearbeiter für gärtnerischen Pflanzenschutz, in der Folge als Leiter einer Bezirksstelle für Pflanzenschutz, als Leiter der Abteilung Gartenbau in der Landwirtschaftskammer Weser-Ems und als Gründer und Leiter der Obstbauversuchsanstalt Langförden in Südoldenburg, in Verbindung mit dem Posten des Leiters des Obstbauberatungsringes Südoldenburg e.V. tätig war.